Leseprobe 3

 

Baumann stand vor der Tür zu Charlies Appartement.

Nach mehrfachem Klingeln öffnete Charlie endlich die Tür.

    Obenrum nix, nur muskelloser Oberkörper. Untenrum Schiesser Feinripp, Gott sei Dank. 

    „Politisch korrekt“, meinte Baumann zum fragwürdigen Gesamtauftritt.

   Charlie strahlte. „Hey, Alter, alles senkrecht? Komm rein. Kommst genau richtig. Wollte auch gerade zu dir."

    „Etwa so?“

    „Nee, ich war mich grad am anziehen“, erwiderte Charlie und verschwand im Bad.

    Baumann betrat das möblierte Wohnklo, das Charlie liebevoll seine „Butze“ nannte und sah sich amüsiert um. CDs, Schuhe, Klamotten, leere Pizzakartons und Bierflaschen machten den Fußboden zu einer einzigen Stolperfalle.

   „Was ist das eigentlich hier, ein möblierter Bombentrichter oder was?“

    Baumann hob einen elektrischen Rasierer der Marke Vorkriegsmodell vom Boden auf und warf ihn auf den Beistelltisch.

   Charlie lugte aus dem Bad und rief besorgt „Heh, mach den nicht kaputt! Den hat mir meine Mutter geschenkt.“

   „Wirklich? Ist sie jetzt auf Nassrasur umgestiegen?“

   „Sehr witzig. Was haben denn nun deine Nachforschungen wegen Kern ergeben?“ 

  „Totale Pleite bis jetzt. Kern ist völlig rundgelutscht. Keine bekannten Feinde, keinen Dreck am Stecken, kein gar nichts. Soll nur mal in `nem Puff gewesen sein soll, wo angeblich Sexpartys steigen. Der Puff soll jemandem gehören, der „Brille“ genannt wird.“

  „Brille? Was ist denn das für`n Name?“

 „Keine Ahnung. Ist aber auch zum kotzen. Selbst Pitjes konnte mir nicht mehr sagen.“

  „Und, wie geht es Pitjes?“

  „Gut, denke ich. Kriegt jetzt Vierhundert von mir.“

 Baumann fasste mit spitzen Fingern eine Socke, die auf einem wackligen Campingstuhl gelegen hatte und setzte sich. Er warf die Socke zum Rest auf dem Fußboden und wischte sich die Finger am Bezug des Campingstuhls ab, was die bakterielle Verseuchung seiner Greifer aber eher verschlimmbesserte.

 „Ich sag `s ja nicht gern, aber irgendwie stecke ich fest. Trotzdem, ich bleibe dabei, das war glatter Mord. Also haben wir einen Mörder und der wiederum hat ein Motiv. Der hat sich den Kern doch nicht mit dem Zufallsgenerator ausgesucht.“

  „Vielleicht ist er ja auch verwechselt worden.“

 „Ja, klar. Wahrscheinlich war der ursprüngliche Plan, die Wenz umzunieten.“ Baumann tippte sich an die Stirn. „Wäre zwar besser für den Rest der Menschheit gewesen, ist aber trotzdem dummes Zeug. Die Frage lautet nach wie vor: Wer hatte einen Grund, Kern so einfach über den Haufen zu fahren? Wo ist das Motiv? Mit Sicherheit alles da, ich muss nur an der richtigen Stelle suchen.“

 „Ich hab auch ein bisschen nachgedacht“, meinte Charlie, als er aus dem Bad kam und sich die Hose zuknöpfte.

 Baumann verdrehte die Augen. Das konnte ja nur schief gehen.

 „Und was ist das Ergebnis?“, fragte Baumann und fühlte sich dabei wie ein Kind, das genau wusste, dass Feuer heiß ist, aber trotzdem in die Kerze fassen musste, um es selbst auszuprobieren.

 Charlie setzte sich und machte ein wichtiges Gesicht. „Pass auf, wie findest du das. Der Kern war doch Politiker. Und das ist doch bekannt, die sind sich doch alle nicht grün, selbst die Grünen nicht.“

 „Komm zum Punkt, Mann.“

  „Ja, und ich dachte, wer so lange wie der Kern in dieser Schlangengrube überlebt, schafft sich automatisch Feinde, oder nicht? Und so einer macht sich doch bestimmt Notizen oder hat Dateien auf seinem Computer und so. Also sollten wir der Schlangengrube mal einen kleinen Besuch abstatten und sehen, was wir dort in Erfahrung bringen können. Vielleicht finden wir da auch einen Hinweis auf den Puffbesuch.“

 „Was faselst du da eigentlich? Was denn für eine Schlangengrube?“

 „Na, die Parteizentrale der FSU in der Konrad-Adenauer-Allee.“

 „Du hast doch nicht mehr alle Kekse in der Dose.“

 „Wieso? Das ist `ne super Idee. Vielleicht schaffen wir es ja sogar bis in sein Büro. Komm schon, heute am Sonntag sind die vielleicht nicht so wachsam und da laufen bestimmt auch nicht so viele Leute rum wie während der Woche. Wär doch geil. Wir durchsuchen die Hütte und sind ruckzuck wieder raus. Wer weiß, was wir da finden!“

  Charlie prang auf und hastete wieder ins Bad.

  „Bin gleich fertig. Dann können wir los!“

  Baumann kickte einen Pizzakarton in die Ecke und ärgerte sich über sich selbst.

  Wie schaffte der das nur jedes Mal?

 

  Charlie erschien.

 Haare wie ein explodiertes Vogelnest, grellbuntes Hawaiihemd über schwarzem Rolli, ausgestellte 70-er Jahre Jeans. Geradezu dezent für seine Verhältnisse.

  „Was is? Biste festgewachsen?“, rief er Baumann unternehmungslustig zu.

  Baumann hätte sich in den Arsch beißen können.

  Das konnte doch gar nicht gut gehen.

  Ging es auch nicht.

 

 

 

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