Leseprobe 2

 

Und jetzt? rätselte Baumann, als er wieder vor Pitjes Laden auf der Venloer Straße stand.

    War bisher ja nicht gerade der Burner, was er in Erfahrung gebracht hatte. Normalerweise wusste Pitjes alles, was so vor sich ging. Sein Laden war die Infobörse für jeden Klatsch und Tratsch, für alle Gerüchte und Mutmaßungen, die in der Stadt im Umlauf waren. Wenn also noch nicht einmal Pitjes wusste, was hier Sache war, wer dann?

    Mißmutig zockelte Baumann Richtung Alfa.

   Dann fiel ihm eine Formulierung ein, die Pitjes gebraucht hatte. Junge Mädels, hatte Pitjes gesagt. Junge Mädels. Baumann holte tief Luft. Vielleicht ging ja doch noch was.

    Baumann enterte den Alfa, startete und rollte los.

 

    Micky Kunze war ein hinterhältiger, rattengesichtiger Drecksack, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, am Hauptbahnhof rumzulungern und unvorsichtigen Reisenden das Handgepäck oder die Brieftasche zu klauen. Außerdem war er ein widerlicher Schmierlappen mit einer Vorliebe für viel zu junge Mädchen. Vernünftigerweise hatten selbst die gestrandeten Kids am Bahnhof noch genügend Selbstachtung, sich nicht mit einem wie ihm einzulassen. Deshalb griff Micky eines Tages zu K.o.-Tropfen, um seine Chancen auf eine schnelle Nummer unter der Hohenzollernbrücke zu erhöhen. Eine vierzehnjährige Ausreißerin war dumm oder auch nur naiv genug, Micky zu vertrauen und die angebotene Cola zu nehmen. Zwei Minuten später war sie weggetreten, Micky ließ die Hosen runter und fing an, an ihr rumzufummeln.

    Die Horde Punker, die mit ihren Hunden und einem Einkaufswagen Bier unweit kampierten, war längst nicht so teilnahmslos, wie Micky erhofft hatte. Als sie auf sein Treiben aufmerksam wurden, kamen die Punker lautstark protestierend näher, ließen dann die Hunde los und Micky machte die leidvolle Erfahrung, dass es sich mit heruntergelassenen Hosen echt beschissen lief. Ende vom Lied war, dass Micky erheblichen Erklärungsbedarf hatte, als er sich im nahegelegenen Theresien-Krankenhaus eine Tetanusspritze verpassen und diverse Bisswunden nähen lassen musste.

    Micky beschloss, zukünftig auf ähnlich schmerzhafte Erfahrungen zu verzichten und gab fortan seine sauer verdiente Kohle für bezahlten, aber weitestgehend gefahrlosen Sex aus. Wenn also einer die jüngeren Mädchen, die in und um Köln anschafften, kannte, dann Micky. Darauf setzte Baumann jedenfalls, als er vor Micky Wohnung stand und den Klingelknopf anhaltend drückte. Nach einer Weile hörte Baumann schlurfende Schritte und die Tür öffnete sich einen Spalt breit.

    Micky war nicht nur ein hinterhältiger, sondern auch ein feiger Drecksack. Er hatte die Kette vorgelegt und lugte misstrauisch aus dem Halbdunkel seines Hausflurs. Als er Baumann erkannte, zuckte er erschrocken zurück und versuchte die Tür zuzuschlagen. Baumann trat zu und die Tür sprang mit einem lauten Knall auf und krachte gegen Micky`s Pickelfresse. Micky ging aufheulend zu Boden, rappelte sich aber gleich wieder auf und flüchtete panisch in die Wohnung. Baumann stieg über das nur noch halb in den Angeln hängende Türblatt und verharrte einen Moment mit angehaltenem Atem, weil der Gestank, der ihm entgegenschlug, fast mit Händen greifbar war. Dann folgte er Micky und betrat die Küche, wo sich Abfall und benutztes Geschirr türmte. Micky kramte hektisch in einer Schublade und fuhr jetzt herum, ein rostiges Küchenmesser in seiner Faust. Blut tropfte aus seiner Nase auf sein ohnehin fleckiges Unterhemd und eine dicke Beule zierte schon seine Stirn.

    „Wirf das Messer weg, Micky“, sagte Baumann. „Ich will nur mit dir reden.“

     War Micky anscheinend egal.

   „Ich stech` dich ab“, kreischte er und fuchtelte mit dem Messer vor Baumanns Nase rum.

    Baumann reichte es.

    Er griff sich einen Küchenstuhl und fegte Micky mitsamt Kartoffelmesser gegen die Spüle, wo der in einem Regen aus zerbrechenden Geschirr und scheppernden Töpfen zusammenklappte. Baumann trat das Messer beiseite, packte Micky an der Hemdbrust, klatschte ihn auf die Tischplatte und drückte ihm den Unterarm auf den Hals.

    „Jetzt pass mal auf, du Ratte“, knurrte Baumann. „Ich hätte dich damals am liebsten platt gemacht und nur die Tatsache, dass die Kleine das nicht auch noch sehen sollte, hat dich gerettet.“

    „Sie war doch bloß `ne Nutte“, ächzte Micky.

    Baumann drückte fester zu.

    „Sie war erst fünfzehn. Und ich kenne sie seit ihrer Geburt.“

    Baumann drückte noch fester zu.

    „Und ihre Eltern sind meine Freunde!“

   Micky traten die Augen aus den Höhlen. Er zappelte und riss verzweifelt an Baumanns Arm, ohne ihn auch nur einen Millimeter bewegen zu können.

    „Ich könnte dich hier kaltmachen und kein Schwein würde das merken. Man würde dich erst finden, wenn du noch mehr stinkst, als dein Müll hier. Und das wird dauern. Ich gebe dir jetzt noch eine letzte Chance, auf meine Fragen zu antworten. Hast du das verstanden?“

  Micky, mittlerweile purpurrot angelaufen, krächzte zustimmend. Baumann lockerte seinen Griff ein wenig.

    „Was weißt du über einen Politiker namens Kern? Was weißt du über Sexpartys mit jungen, möglicherweise minderjährigen Mädchen?“

    „Ich kenn keinen Politiker, der so heißt. Ich kenn überhaupt keinen Politiker“, japste Micky zwischen zwei tiefen Atemzügen. „Aber ich hab` tatsächlich mal was gehört, dass solche Partys irgendwo steigen sollen. Ein paar von den Nutten, die ich kenne, waren neidisch und wollten mitmischen, weil man da angeblich groß abkassieren konnte. Aber die hatten immer die gleichen Hühner am Start.“

    „Wen?“

    „Weiß nicht. Kenn ich nicht.“

    „Wo finden die Partys statt?“

   „Weiß ich auch nicht. Ich hab`nur gehört, dass der Laden jemand gehört, der „Brille“ genannt wird. Soll gefährlich sein, der Bursche.“

    „Was noch?“

    „Das ist alles, was ich weiß! Ich schwör`s!“

    Baumann ließ ihn los. Da war nicht mehr zu holen, das spürte er.

    Micky rieb sich den geschwollenen Hals.

    „Hoffentlich macht dieser Brille dich fertig“, zischte er hasserfüllt.

    Baumann drosch ihm die Faust auf die Nase.

 

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